
Sind die Externsteine ein Objekt mit herausragender universeller Bedeutung für die gesamte Menschheit?
Ginge es nach dem Willen des Landesverbandes Lippe, dann würden die Externsteine im Teutoburger Wald in gut 18 Monaten von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Aber glücklicherweise hat diese Entscheidung nicht der Landesverband oder eine sonstige Einrichtung oder Behörde in der Bundesrepublik zu treffen. Ob und was die Auszeichnung „Welterbe“ tragen darf, darüber entscheidet das Welterbekommittee der UNESCO in Paris.
Die Externsteine sind zweifellos eine herausragende Sehenswürdigkeit im Naturpark Teutoburger Wald / Eggegebirge. Die markanten, senkrecht aufragenden Felsen der Externsteine bestehen aus hartem Osningsandstein aus der unteren Kreidezeit, die vor etwa 70 Millionen Jahren durch Bewegungen in der Erdkruste steil aufgefaltet wurden. In tausenden von Jahren hat die Erosion schließlich das Bild geschaffen, das jedes Jahr tausende von Touristen nach Horn-Bad Meinberg lockt. Aber nicht nur die Steine faszinieren die Menschen. Es gibt in den Externsteinen eine aus dem Stein gehauene Höhenkapelle und in den Grottenfelsen wurden einst drei verschiedene Räume hinein gemeißelt. Dort befindet sich mit dem Kreuzabnahmerelief die größte mittelalterliche Außenplastik nördlich der Alpen.
Es ist richtig, wenn der Landesverband Lippe in einer Pressemitteilung sagt „Die Externsteine mit dem einzigartigen Kreuzabnahmerelief und dem umgebenden Naturschutzgebiet sind ein bedeutendes Natur- und Kulturdenkmal von europäischem Rang“. Womit wir sogleich wieder bei der angestrebten Auszeichnung als Weltkulturerbe wären. Das UNESCO-Sigel stellt sehr hohe Ansprüche an eine Welterbestätte – oder sollte sie zumindest stellen. Eine Welterbestätte, wie der Name schon sagt, soll eine herausragende universelle Bedeutung für die gesamte Menschheit haben. Ob die Externsteine den harten Auswahlkriterien der UNESCO gerecht werden, kann jedoch mehr als angezweifelt werden. Spricht man beim Landesverband doch selbst von einer europäischen und eben nicht von einer weltweiten Bedeutung.
Und genau hier wird wieder einmal deutlich, dass die Welterbebewegung in den letzten Jahren – auch gerade in Deutschland – unter einem inflationärem Umgang mit dem Wunsch nach einer Welterbeauszeichnung leidet. Mit der weltweit höchsten Auszeichnung für Natur- und Kulturgüter lässt sich eben Kasse machen, indem sie Ströme von internationalen Welterbetouristen garantiert.
Man kann nur vermuten, dass auch in Lippe der Wunsch nach touristischen Impulsen ausschlaggebend für diese wohl eher aussichtslose, wenn gleich pressewirksame, Initiative ist. Die Fakten sprechen auf jeden Fall gegen eine Ausweisung der Externsteine als Welterbestätte. Zum einen fehlt es einfach an der durchschlagenden Einzigartigkeit des Monuments. Zum anderen ist die sogenannte tentative list, die Vorschlagsliste für weitere Welterbestätten in der Bundesrepublik, schon gut gefüllt. Und noch etwas anderes spricht gegen die Externsteine: Die Ziele der globalen Strategie des Welterbekommittees sehen vor, dass zunächst „Lücken“ im globalen Netzwerk der Welterbestätten geschlossen werden und solche Nominierungen Vorrang haben, die aus Zeitepochen und Regionen stammen, die bisher noch nicht ausreichend auf der UNESCO-Liste repräsentiert sind. Deutschland ist mit 33 Welterbestätten generell schon stark vertreten und auf Nordrhein-Westfalen entfallen hiervon immerhin 4. Schaut man einmal über den Tellerrand, z.B. nach Ägypten, das weltweit berühmt für Pyramiden, Mumien und Kulturschätze ist, so findet man dort nur 7 Welterbestätten. Last but not least bleibt noch anzumerken, dass den Mitgliedern des Welterbekommittees bei ihrer nächsten Abstimmung über eine neue Welterbestätte in Deutschland sicher das Dresdner Elbtal in Erinnerung kommt, wo es Deutschland, als bisher zweitem Land überhaupt, gelungen ist, dass der Titel Welterbestätte aberkannt wurde.
Zusammenfassend kann man sagen: Der Marketing-Gag ist dem Landesverband Lippe gelungen. Man spricht über die Externsteine! Aber man möge sich doch jetzt wieder auf sinnvolleres konzentrieren. Finanzmittel für etwaige Anträge und Nominierungen können sicherlich effektiver eingesetzt werden.
An dieser Stelle seien abschließend noch zwei persönliche Empfehlungen für eine nachhaltige und erfolgreiche (touristische) Regionalentwicklung erlaubt:
Neben Welterbestätten und Biosphärenreservaten stellt die UNESCO mit der Auszeichnung als Geopark ein weiteres, sehr erfolgreiches Instrument zur Bewahrung, Förderung und touristischen Vermarktung von geologischen Besonderheiten zur Verfügung. Das europäische Netzwerk der Geoparks hätte sicherlich Interesse an einem „bedeutenden Natur- und Kulturdenkmal von europäischem Rang“. Eine Nominierung könnte durchaus mit Erfolg gekrönt sein und ein UNESCO Geopark wäre ebenfalls ein Projekt mit Wirkungskraft.
Will die Region es aber wirklich richtig machen und endlich ihre touristische Identität und ein zielgerichtetes Marketing für den Teutoburger Wald finden sowie gleichzeitig das einmalige Natur- und Kulturerbe Ostwestfalen-Lippe‘s bewahren, dann kann dies durch einen Nationalpark Teutoburger Wald geschehen. Der Naturpark Teutoburger Wald / Eggegebirge ist hervorragend aufgestellt und würde, mit einem ausgewiesenen Nationalpark im Herzen (in der Senne – auch bei paralleler militärischer Nutzung – und mit Teilen des Teutoburger Waldes und des Eggegebirges) die Marke, der Leuchtturm und letztendlich der Motor für die notwendige und erhoffte Regionalentwicklung für Ostwestfalen-Lippe sein.
Aber leider ist die Region, aufgrund von anhaltendem Kirchturmdenken und Befindlichkeiten, von dieser vielversprechenden Lösung genau so weit entfernt, wie die Externsteine von einer Anerkennung als Welterbestätte.
Literaturempfehlung:
- DEUTSCHE UNESCO-KOMMISSION: Welterbe-Manual. Handbuch zur Umsetzung der Welterbekonvention in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz. 2009. 354p.
- HARTEISEN, U., P. LIEPMANN, H. BELZ, H. SCHWARZE & A. WIENDL: Förderung des Landtourismus NRW. Handlungsorientierte Konzeptstudie über die regionalökonomischen, u.a. touristischen Entwicklungsperspektiven einer Nationalparkregion Senne. 2003. 292p.
Über den Autor: Henning Schwarze ist Geschäftsführer der WHS und arbeitet seit mehreren Jahren u.a. als Berater für die UNESCO, wo er an verschiedenen Projekten zur Ausweisung von Welterbestätten, Biosphärenreservaten und Geoparks beteiligt ist.
Schlagwörter:Geologie, Nationalpark, Nationalpark Senne, Naturdenkmal, Naturpark Teutoburger Wald / Eggegebirge, OWL, Regionalentwicklung, Tourismus, UNESCO, Welterbe
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